23.08.2021

 

Warum ich auch nach der Empfehlung durch die STIKO eine Impfung für Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen nicht für sinnvoll halte

Am 19.8.2021 empfiehlt die STIKO nun eine Impfung gegen SarsCoV2 auch für Kinder und Jugendliche von 12-17 Jahren ohne Vorerkrankungen wie folgt: 

„Nach Prüfung der aktuellen Daten zu Sicherheit und Wirksamkeit der mRNA-Impfstoffe Comirnaty (BioNTech/Pfizer) und Spikevax (Moderna) bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12– 17 Jahren sowie Auswertungen der Daten zur Epidemiologie und Krankheitslast von COVID-19 in dieser Altersgruppe, inklusive psychosozialer Folgen der Pandemie, hat die STIKO im Rahmen einer NutzenRisiko-Abwägung entschieden, ihre bisherige Einschätzung zu aktualisieren und eine allgemeine COVID-19-Impfempfehlung für 12– 17-Jährige auszusprechen.“

 

In den vorangegangenen Wochen wurde die STIKO wiederholt von Politikern auf allen Ebenen (z. B. hier oder hier) ungeachtet der vorliegenden Daten dazu gedrängt, eine solche Impfempfehlung auszusprechen. Am 13.8.2021 hat Dr. Terhardt als Mitglied der STIKO angekündigt, „wir werden versuchen, der Politik ein bisschen entgegenzukommen."

Für alle Eltern und Jugendliche, die sich selbst ein Bild machen möchten, ob diese neue Impfempfehlung durch politischen Druck entstanden ist oder ob neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen, die für eine Impfung sprechen, möchte ich im Folgenden die wichtigsten Punkte der wissenschaftlichen Begründung der STIKO zusammenfassen. (Alle folgenden Zitate sind soweit nicht anders angegeben aus dieser Stellungnahme).

 

Daten zur Sicherheit der mRNA-Impfstoffe bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 12– 17 Jahren

Bis zum 11.6.21 wurden in den USA 52 Millionen Menschen zwischen 12 und 29 Jahren geimpft. In Deutschland waren am 10.8.2021 noch vor der Impfempfehlung durch die STIKO bereits mehr als 22% der Kinder und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren geimpft.

Daten zur Sicherheit der Impfung wurden bei der großen Mehrheit der Geimpften  mit einem passiven Melderegister erfasst, also nur Fälle erkannt, bei denen aufgrund von Symptomen entsprechende Untersuchungen durchgeführt wurden und die behandelnden Ärzte aktiv einen Zusammenhang mit der Impfung vermutet und dies gemeldet haben. Die STIKO stellt selbst fest: „Da es sich um ein passives Meldesystem handelt und zudem immer ein Meldeverzug besteht, ist eine Untererfassung der Nebenwirkungen wahrscheinlich.“

Eine Peri-/Myokarditis ist eine Entzündung von Herzmuskel und/oder Herzbeutel, die zu Herzrhythmusstörungen, Vernarbungen und Funktionseinschränkungen des Herzens führen kann. Mit diesem passiven Meldesystem „wurden für 12– 17-jährige Jungen in den USA 63 Fälle einer Peri-/Myokarditis pro 1 Mio. Impfungen berechnet, was einem Fall auf 15.873 Impfungen entspricht.“ Bei weiblichem Geschlecht und/oder höherem Alter nimmt die Häufigkeit ab. „Die beobachtete Zahl an Myokarditiden übersteigt die erwartete Anzahl deutlich.“ „Die Melderate für vollständig mit Comirnaty geimpfte Jungen in Deutschland betrug 1 (Peri-)Myokarditis pro 17.483. Dies entspricht in etwa den Angaben aus den USA (persönliche Kommunikation PEI, 18.08.2021; für mehr Details siehe Sicherheitsbericht des PEI). (...) Die Verläufe sind zumeist gutartig, es fehlen jedoch Daten zum Langzeitverlauf.“

Von den mehreren Millionen geimpften Jugendlichen wurden nur für 1131 (Pfizer/Biontech) bzw. 2486 (Moderna) Daten in einer randomisierten Studie erhoben, die in der großen Mehrheit der Fälle maximal 2 Monate andauerte und bei der keine gezielte Suche einer Peri-/Myokarditis durchgeführt wurde. Angesichts der geringen Fallzahl können hierbei Nebenwirkungen nicht zuverlässig erkannt werden. In beiden Studien wurden „schwere COVID-19-Erkrankungen und Hospitalisierungen weder in der Impfstoffgruppe noch in der Placebogruppe beobachtet“, obwohl in der Studie von Pfizer/Biontech 12% eine Adipositas und 21% eine Begleiterkrankung hatten.

 

Daten zur Krankheitslast von COVID-19 in dieser Altersgruppe inklusiver psychosozialer Folgen der Pandemie

A. Myokarditis

„Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie sammelt seit Mitte März 2020 Daten hospitalisierter Kinder und Jugendlicher mit COVID-19 in Deutschland in einem Register. (…) Über Myokar­ditis-Fälle wurde bei den Entlassungsdiagnosen bisher nicht berichtet. (...) Nach Analyse von Diagnosedaten von etwa 8 Mio. gesetzlich Krankenversicherten in Deutschland (…) sind bei 5.199 Kindern und Jugend­lichen mit dokumentierter SARS-CoV-2-Infektion im Alter von 12 – 17 Jahren keine Myokarditiden in einem Zeitraum von bis zu sechs Monaten nach der SARS-CoV-2-Infektion kodiert worden“.

„Eine Studie aus den USA, die Versichertendaten analysierte, untersuchte die Häufigkeit von Myokarditiden im Zusammenhang mit SARS-CoV-2-Infektionen bei 12 – 17-jährigen Jugendli­chen. Neun Myokarditiden wurden unter 14.207 COVID-19-Fällen“ (alles Jugendliche die bereits vor SarsCoV2 Infektion in ärztlicher Behandlung waren, aber keine Herzerkrankung hatten) „identifiziert. Das Risiko war bei männlichen Kindern und Jugendlichen doppelt so hoch wie bei weiblichen.“

B. PIMS

Bei PIMS (Pediatric Multisystem Inflammatory Snydrome) handelt es sich um eine Entzündungsreaktion mehrerer Organsysteme, die in seltenen Fällen bei Kindern im Anschluss an eine SarsCoV2 Infektion auftreten kann. Ähnliche Krankheitsbilder (z. B. Kawasaki Syndrom) sind auch von anderen Infektionskrankheiten bekannt.

„Das mittlere Alter der Kinder mit PIMS lag bei 9,3 ± 0,5 Jahre. Tödliche Verläufe wurden bisher in Deutschland nicht gemeldet (Stand: 01.08.2021)." Wie es überhaupt gemäß dem Vorsitzenden der STIKO Prof. Mertens in der betroffenen Altersgruppe nur 2 Jugendliche gab, die an oder mit SarsCoV2 gestorben sind und beide schwere Vorerkrankungen hatten. "Für die Altersgruppe der 12 – 17-Jährigen wurden 86 PIMS-Fälle erfasst. Bei vier PatientInnen lag bei Entlassung eine eingeschränkte linksventrikuläre Funktion vor als mögliche Folge einer Myokarditis. Alle übrigen PatientInnen konnten ohne Folgeschä­den entlassen werden. “.

„In einer britischen Studie wurden 46 Kinder und Jugendliche (medianes Alter 10,2 Jahre) mit PIMS 6 Monate nach der Krankenhausbehandlung erneut untersucht. Zu diesem Zeitpunkt war bei 45 von 46 Kindern und Jugendlichen keine systemische Inflammation mehr nachweisbar. Die meisten anderen Organmanifestationen waren nicht mehr nachweisbar oder deutlich rückläufig. 45 der 46 Kinder und Jugendlichen besuchten jedoch wieder ganztags die Schule oder Kinderbetreuungseinrichtung. Es gibt wenige Einzelfallberichte über ein dem PIMS vergleichbares „multisystem inflammatory syndrome“ nach COVID-19-Impfung bei Erwachsenen.“

Ob die Impfung vor PIMS schützt, wird vom Infektiologen Prof. Kekule bezweifelt und ist auch dem RKI nicht bekannt.

„Das COVID-19-assoziierte PIMS ist eine sehr seltene, schwere Erkrankung. Diagnostik und Therapie die­ses neuen Krankheitsbildes haben sich jedoch in der deutschen Pädiatrie rasch etabliert und eine frühzeitige Therapie führt dazu, dass die Prognose günstig ist.“

 

C. Long Covid

„Das Auftreten von Long-COVID bei Kindern und Jugendlichen ist bisher nicht quantifizierbar.“

Es werden von der STIKO drei vergleichende Studien zitiert, die das Auftreten von Symptomen bei Kindern mit und ohne stattgehabter SarsCoV2 Infektion verglichen hat und jeweils keinen Unterschied gezeigt hat. Auch der Epidemiologe Prof. Stöhr kommt zu dem Ergebnis, "dass die Long-Covid Symptome offensichtlich bei Personen mit und ohne Covid-19 gleich häufig vorkommen".

D. In Modellierungen wird eine erhöhte Krankheitslast von Jugendlichen prognostiziert

Die in der Vergangenheit vom RKI verwendeten Modellierungen haben sich während der Pandemie wiederholt als falsch erwiesen. Bei diesen Modellierungen kann man durch entsprechende Auswahl der Parameter das gewünschte Resultat beeinflussen.

Der Epidemiologe Prof. Ralph Brinks von der Universität Witten/Herdecke weißt darauf hin, dass „es normalerweise Usus bei der Stiko ist, sich auf publizierte Daten, Studien oder Register zu berufen. "Nach meinem Wissen ist es zum ersten Mal geschehen, dass man eine Empfehlung auf Modellierungen stützt, die vom Grad der Erkenntnis viel schwächer als eine durchgeführte Studie ist. Die Technik, die für das hier angewandte Modell genutzt wurde, ist schon mehr als 20 Jahre alt. Das heißt, wir wissen worauf bei diesem Modell zu achten ist. Diese 20 Jahre alten Qualitätssicherungs-Werkzeuge sind in dem Modell aber ignoriert worden. So kann man meiner Einschätzung nach nicht zu einer adäquaten Einschätzung des Risiko-Nutzen-Verhältnis der Kinderimpfung gegen Corona kommen."

„Im Rahmen der Modellierung wurde angenommen, dass keine weiteren Maßnahmen zur Kontaktredu­zierung von der Bundesregierung beschlossen wer­den, da zum Zeitpunkt der vierten Welle jeder, der bereit ist, sich impfen zu lassen, ein Impfangebot erhalten haben sollte und ein Großteil der beson­ders gefährdeten Personen auch bereits über einen vollständigen Impfschutz verfügt und damit die Ge­fahr einer Überlastung des Gesundheitssystems verringert wurde.“

Diese Annahme widerspricht allerdings der im Folgenden dargelegten „psychosozialen Folgen für nicht geimpfte Kinder“, denn wenn keine Maßnahmen mehr bestehen würden, wären solche auch nicht zu befürchten.

 

E. Psychosoziale Folgen für nicht geimpfte Kinder 

Zurecht wird von der STIKO auf die massiven psychosozialen Folgen für Kinder durch die Corona Maßnahmen (nicht die Pandemie selbst!) hingewiesen. Dass man diese nun als Argument für eine Impfung anführt und nicht hinterfragt, ob diese erforderlich, geeignet und verhältnismäßig waren, ist für mich nicht nachzuvollziehen.  

„Die STIKO spricht sich jedoch explizit dagegen aus, dass der Zugang von Kindern und Jugendlichen zur Teilhabe an Bildung, Kultur und anderen Aktivitäten des sozialen Lebens vom Vorliegen einer Impfung abhängig gemacht wird.“ Diese Empfehlung ist aus meiner Sicht zynisch, da die vorliegende Empfehlung der STIKO angesichts der bereits bestehenden politischen Maßnahmen mit großer Wahrscheinlichkeit genau dazu führen wird.

 

3. Nutzen Risiko Abwägung der STIKO und die offene Frage der Dauer der Wirksamkeit

Gemäß Epidemiologe Klaus Stöhr „wird das Virus am Ende der Pandemie bleiben, es wird endemisch, es wird zirkulieren, im Winter stärker, im Sommer kaum nachweisbar, und jeder wird sich irgendwann infizieren, sogar mehrfach.“ Entsprechend ist für die Risikoabwägung bei Kindern die Frage wichtig, ob die natürlich durch Infektion erworbene Immunität oder die Immunität durch Impfung länger anhaltend ist.

Die STIKO beschreibt, dass „ungeimpfte Personen nach Infektion eine breite B- und T-Zell-Immunantwort aufweisen, die sowohl neutralisierende Antikörper als auch Helfer-, Effektor- und Gedächtnis-T-Zellen umfasst, unter anderem gegen das Spike- und Nukleokapsid-Protein von SARS-CoV-2 gerichtet ist und für mindestens 6–10 Monate anhält.“ Diese Einschätzung beruht darauf, dass noch keine Daten für einen längeren Zeitraum erhoben wurden, nicht etwa, dass zu diesem Zeitpunkt die Immunität bewiesenermaßen abfällt. „Im Vergleich zu Erwachsenen war die SARS-CoV-2-Infektion bei Kindern 5-mal häufiger asymptomatisch. Trotz des häufigeren asymptomatischen Infektionsverlaufs waren die spezifischen Antikörperkonzentrationen höher und die Immunantwort bei Kindern dauerhafter als bei Erwachsenen.“

Dagegen bewirken „Impfstoffe vor allem die Bildung von Spike-Protein-spezifischen Typ 1 T-Helfer-Zellen und B-Lymphozyten sowie von neutralisierenden Antikörpern gegen das Spike-Protein“

Die durch diese Ausführungen plausible Annahme, dass eine natürlich erworbene Immunität länger anhält, als die Immunität durch Impfung wird in aktuellen Daten aus den USA (Wirksamkeit mehrere Monate nach der Impfung mit Pfizer/Biontech nur noch bei 42% zur Verhinderung einer Infektion) und aus Israel bestätigt.

Die STIKO weist zwar darauf hin, dass die Wirkdauer der Impfung nicht bekannt ist, berücksichtigt in ihrem Modell zur Abwägung von Nutzen und Risiko dennoch nur den aktuell bevorstehenden Winter, aber nicht, dass in Zukunft bestehende Risiko. Werden sich geimpfte Kinder regelmäßig impfen lassen müssen oder haben sonst eben später das Risiko einer Infektion?

 

Zusammenfassung:

Würde die STIKO nur die in Studien belegte, sehr geringe Krankheitslast durch eine SarsCoV2 Infektion mit den Risiken der Impfung (Myokarditis) vergleichen, könnte Sie nicht zu einer Impfempfehlung für 12-17jährige Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen kommen. Diese wird nur ausgesprochen, weil eine Modellrechnung für die Zukunft (mit fraglicher wissenschaftlicher Beweiskraft) und mögliche psychosozialen Folgen für Nicht-Geimpfte berücksichtigt werden. Beide Argumente sind für mich nicht plausibel, so dass ich gesunden Kindern und Jugendlichen keine Impfung gegen SarsCoV2 empfehle.

Eine plausible wissenschaftliche Begründung, warum Kinder vor der Impfung nicht auf eine (häufig ohne Symptome) durchgemachte Infektion getestet werden sollen und warum 6 Monate nach durchgemachter Infektion eine Impfung empfohlen wird, sind mir nicht bekannt.

Dass nun Kinder und Jugendliche mit Impfstoffen geimpft werden, für die lediglich eine Notfallzulassung besteht, ohne dass bzgl. Sicherheit und Wirksamkeit systematisch Daten (über das passive PEI Register hinaus) zur Häufigkeit von Herzmuskelentzündungen erfasst werden, ist aus meiner Sicht nicht nachzuvollziehen.

Ich schließe mich der Einschätzung der STIKO an, dass „die Impfung von Kindern und Jugendlichen (12 – 17 Jahre, ohne Vorerkrankung) keinen wesentlichen Einfluss auf den Verlauf der bevorstehenden vierten Welle hat“ und dass „für Kinder und Jugendliche, die aufgrund einer Vorerkrankung ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung haben, der Nutzen der Impfung die Risiken überwiegt. Gleiches gilt für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren, in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren COVID-19-Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht auf einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht.“